Hilfe, meine Kinder haben ein Tablet – und Amazon verspricht mir dafür „Seelenfrieden“

Sind meine Kinder mit fast fünf und zweieinhalb Jahren reif für ein Tablet? Und wenn ja, wie führe ich sie an die digitale Welt heran? Mein Mann nahm mir die Entscheidung ab – und bestellte bei Amazon. Seit das Paket angekommen ist, haben meine Kinder einen „Tablet-Tonfall“ entwickelt – und ich fühle mich vom Hersteller ein bisschen veräppelt.

Zeit also zu klären, wie man Kinder und digitales Spielzeug vereinbart – übrigens auch unser eigenes. Denn sind wir Eltern es nicht, die süchtig nach den kleinen digitalen Kommunikationsmanagern, also Smartphones, sind? Ich finde schon. Das bedeutet schonmal eine schlechte Verhandlungsbasis von Elternseite – verbieten ist ziemlich unseriös, wenn man selbst schon vor dem Frühstück den ersten Blick auf’s Handy wirft.

Für die Kinder sind unsere Telefone natürlich tabu – außer wir sehen uns ein paar Minuten lang gemeinsam an, wie Alexander Gerst ins All startet oder welches Geräusch eigentlich ein Kamel macht.

Aber auch wenn in Artikeln wie diesem SZ-Ratgebertest für Eltern zum Umgang ihrer Kinder mit Smartphones eher Entspannung und gesunde Neugier als sinnvoll beschrieben werden – und dem stimme ich ja im Prinzip zu: Ich bin ziemlich skeptisch, als mein Mann mir mitteilt, ein Kinder-Tablet mit Spiel- und Lernprogrammen, aber auch Kinderserien (und – natürlich – einem Amazon-Shopping-Account für die Eltern) bestellt zu haben. Sehr skeptisch. Dann kommt das kleine orange Päckchen.

Das Tablet verspricht mir die „richtige Balance“ zwischen Unterhaltung und „Lernzielen“

Als ich die neonfarbige Packung zum ersten Mal in der Hand halte, verstehe ich meinen Mann sogar ein bisschen. Es wirkt für den moderaten Preis überhaupt nicht schrottig, eine „benutzerfreundliche Kindersicherung“ verspricht mir, die „richtige Balance“ zwischen Unterhaltung und „Lernzielen“ meiner Kinder einstellen zu können. Naja.

Ich hätte das Ding zwar noch nicht für nötig gehalten, will aber nicht die Spielverderberin sein. Und finde das Argument meines Mannes überzeugend: Besser sie lernen in Maßen und unter Anleitung, damit umzugehen, als dass wir es ihnen unnötig lange vorenthalten. Weil sie damit im Prinzip nichts anderes tun als zuvor auch ohne digitales Gadget: Alle paar Tage dürfen sie sich zusammen eine ihrer Lieblingsserien anschauen, eine halbe, dreiviertel Stunde lang.

Verändert sich der Medienkonsum der Kinder durch ein Tablet überhaupt?

Was den reinen zeitlichen Konsum angeht, in unserem Fall nicht. Ob sie ihre halbe Stunde Lieblingsserie vor dem Fernseher oder auf dem Tablet sehen, ist doch egal. Oder? Das Problem ist: Die vielen lustigen Bilder auf dem Display bieten nur einen kleinen Vorgeschmack darauf, was das Tablet alles kann. Und das verlockt unheimlich. Unser Großer checkt nämlich ganz genau, dass neben Feuerwehrmann Sam, Paw Patrol und dem kleinen Maulwurf noch ungefähr zwanzig andere Serien zur Verfügung stehen – theoretisch. Klingt wie eine Einstiegsdroge vor dem ersten Netflix-Account.

Das Tablet (ein „Fire HD Kids Edition“) ist gut halb so breit wie ein iPad und in einen stabilen, blauen Schaumstoffrahmen gepackt, an dem man auch als Erwachsener schnell Gefallen findet – ich habe weniger Angst, dass mir das Ding irgendwo runterfällt oder ich eine fiese Kerbe reinhaue. Also sympahtisch. Auch die möglichen „Free Time“-Einstellungen für Kinder: super. Wir wähle die Voreinstellung, mit der sich das Ding nach 30 Minuten Kinderserien automatisch ausschaltet. Serien funktionieren dann erst am nächsten Kalendertag wieder. Dann gehen nur noch die „Lerninhalte“, mit denen wir uns aber – wir wollen mal nicht übertreiben – zumindest NOCH nicht auseinandergesetzt haben.

Amazon kennt meine Seele nicht besonders gut

Erst als ich die orangene Verpackung nochmal herumdrehe und mir alles durchlese, muss ich laut lachen: „ Grenzenloser Spaß für Kinder.“ Dem wir zumindest im Rahmen des Möglichen schonmal Grenzen gesetzt haben. Und dann: „Seelenfrieden für die Eltern.“ 

Echt jetzt, Amazon? Hast du eine Ahnung, Amazon, wie sich meine Mutter-Seele an diesem Ding abgearbeitet hat, noch bevor ich es an der Haustür entgegengenommen habe? Viel Zeit hatte ich eh nicht, mich damit auseinanderzusetzen. Aber allein die Vorstellung, ein Kinder-Tablet im Haus zu haben, hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Das Problem ist nicht, dass meine Kinder einem Helden verfallen sind, der tagein, tagaus mit seiner Autosirene ein Dorf in Atem hält (Feuerwehrmann Sam), einem verwirrten, aber sympathischen Alten mit Katze (Petterson und Findus) oder tanzenden Mäusen, die Besuch von einem türkischsprachigen Schmetterling bekommen (Jonalu). Was mir Angst macht, ist das Funkeln in ihren Augen, wenn es darum geht, wo sie ihre Helden sehen. „Auf dem Tablet?“ haucht mein fast 5-Jähriger in einem Tonfall dahin, als dürfe er gleich persönlich bei Sam ins Feuerwehrauto steigen. 

Das Ding löst eine unglaubliche Anziehungskraft aus, und ich glaube, wir sind daran nicht unschuldig. Sind wir nicht genauso verzaubert von unserem digitalen Spielzeug? Trotzdem: Der schnelle „Seelenfrieden“, den mir Amazon verspricht, nur weil mein Kind sich nach einer halben Stunde daddeln mit anscheinend sinnvolleren digitalen Lernspielen beschäftigen muss, reicht mir nicht. Er greift zu kurz.

Wir unterschätzen als Eltern unsere Vorbild-Funktion – auch am Smartphone

Das Funkeln in den Kinderaugen bringt mich allerdings wieder zu dem Punkt: Wenn unsere Kinder  noch länger „ohne“ leben, wird der Reiz, es plötzlich benutzen zu dürfen, dann größer? Ist das wie bei der Mähr mit den Süßigkeiten, die Eltern gerne erzählen: „Seit wir sie zuhause offen rumliegen haben, verlieren sie ihren Reiz?“ Ich zumindest glaube daran nicht. Meine Kinder würden sich gnadenlos mit Süßem vollstopfen, wenn es überall liegen würde. Sie tun das manchmal halbwegs kontrolliert, ich bin gegen totale Verbote. Aber sie akzeptieren auch, wenn es heute schon genug Süßes gab und jetzt erstmal was „Richtiges“ auf den Tisch kommt. Vielleicht auch, weil wir ihnen das so vorleben.

Ich habe die leise Hoffnung, dass sie bei ihrem Weg in die Digitalisierung genauso diskussionsbereit und zumindest halbwegs vernünftig bleiben. Dass sie, wie ich selbst nur zu oft, merken, wann es zuviel wird. Statt Smartphones zu verteufeln, sollten wir uns unser eigenes Augenfunkeln eingestehen, wenn die nächste Whats-App aufploppt. Und das Ding dann vielleicht einfach mal in den Flugmodus versetzen.

Ich denke, nur so lernen auch Kinder von uns, dass die echte Welt da draußen viel toller ist – oder zumindest nicht ersetzbar. Dass es viel mehr Spaß macht, mit anderen zu lachen als allein vor einem leuchtenden Ding. Und in unserem Fall, die viel zu oft aufs Smartphone starren: Dass man die knappe Zeit, wenn die Kinder schlafen, der Job gerade nichts von einem will und der Haushalt geschmissen ist, am liebsten mit dem Liebsten verbringt – ohne Smartphone. Dass ein Ausflug ins Grüne so herrlich befreiend sein kann – wenn man das Handy einfach mal zuhause lässt. Oder, wie ein Kollege neulich schrieb: Dass man nicht alle Sonnenuntergänge instagrammen kann. Er hat das auf Twitter gepostet. Ich hoffe, nicht nach Feierabend. 

 

 

 

 

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